Das Reinheitsgebot: Was ist das eigentlich genau?

Vielleicht kennt ihr den 23. April ja als Girls-Day. Aber: Er ist auch der „Tag des deutschen Bieres“, also des Reinheitsgebotes. Hopfen und Malz, Gott erhalt´s! Dazu noch Wasser und Hefe, mehr darf in unser deutsches Bier nicht hinein, deshalb ist es ja so viel besser als alle ausländischen Biere… STOPP! In diesem Bericht möchte ich einen kritischen Blick auf den Sinn und Unsinn des Reinheitsgebots werfen.

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Was darf rein in deutsches Bier? Hier lest ihr über die Historie des Reinheitsgebots

Ich gestehe direkt: Die Geschichte vom Qualitätsgaranten Reinheitsgebot ist aus meiner Sicht ebenso weit von der Realität entfernt wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Ja, ich hören euch schon aufschreien – das Reinheitsgebot macht das Bier doch erst gut und verlässlich! Doch das stimmt so nicht – das Reinheitsgebot erlaubt nämlich durchaus Zusätze, nur halt nicht alle.

Was ist das Reinheitsgebot?

Das deutsche Reinheitsgebot besteht nicht wirklich seit 1516 – schlicht mangels Vorhandensein eines einheitlichen deutschen Rechtsgebiets. Vielmehr stammt aus diesem Jahr das bayerische Reinheitsgebot, das auch nur im damaligen Herzogtum Bayern galt. Erst deutlich nach der Reichseinigung 1871, nämlich 1906, wurde das Gebot reichsweit umgesetzt, erneuert 1923 in der Weimarer Republik als „Biersteuergesetz“. Die kaiserliche Variante sollte schon 1906 nicht wirklich die Qualität des Produktes sicher, sondern half den Interessen einzelner Brauer (Lobbyarbeit…), gegen eine unliebsame Konkurrenz, die anders braute (z.B. so wie in Sachsen im Stil der Gose) und durch die Neuregelung vom Markt gedrängt werden konnte.

„Vorläufiges deutsches Biersteuergesetz“ heißt das Reinheitsgebot juristisch gesprochen auch noch, erlassen 1993. Auffällig sind dabei zwei Begriffe: Vorläufig und Steuer. Denn entgegen der landläufigen Annahme, das Reinheitsgebot sichere die Qualität des Bieres, setzt es eigentlich nur eine Norm zur Versteuerung. Und das zu versteuernde Produkt mit dem Namen „Bier“ darf neben Hopfen, Malz, Wasser und Hefe nur Zusätze enthalten, die sich später wieder entfernen lassen. Also Achtung: Zusätze sind erlaubt!

Reinheitsgebot kritisch betrachtet
Gutes Bier und böses Bier – links ganz „schlimm“ ein Bier mit Biosaft…

Ist deutsches Bier also noch rein?

Hier ist die Antwort klar: Ja und nein! Denn das Reinheitsgebot sieht ja nur vor, dass alle Zusätze später wieder entfernt werden müssen. Dagegen verstoßen heute immer mehr kleine, kreative Brauereien, also vor allem die Craft Beer-Brauer. Bio-Kirschsaft im Bier? Das geht nicht! Und die Großindustrie? Verwendet die Reinigungschemikalie PVPP , damit das Bier schön klar wird. Diese wird jedoch später wieder herausgefiltert. Ich denke, man darf hier kritisch fragen, welche Form von Bier „reiner“ ist.

Stichwort Verlässlichkeit

Aber schafft das Reinheitsgebot nicht Verlässlichkeit für den Konsumenten? Dieser weiß nun ja, dass kein Kirschsaft im Bier ist! Aber braucht ihr diese Information? Ich traue dem Biertrinker ja durchaus zu, ein Etikett zu lesen. Selbst bei der Biervielfalt unserer belgischen Nachbarn finde ich, dass es kein Hexenwerk ist, herauszufinden, was bei Kriek (Kirschsaft), Geuze (Milchsäure) oder Witbier (Orangenschale und Koriandersaat) im Glas ist. Aber es stimmt: Biervielfalt abseits des Reinheitsgebots setzt eine höhere Kenntnis voraus. Das begrüße ich allerdings, denn Bier sollte ein bewusstes Getränk sein und es ist schön, wenn sich der Kunde mit ihm beschäftigt, statt einfach zur Kiste Billigbier zu greifen. Hauptsache billig, schmeckt eh alles gleich. Nun ja, in dieser Hinsicht ist deutsches Bier leider allzu oft verlässlich…

Oder darf es lieber ein Westmalle sein?
Vielfalt geht übrigens auch im Rahmen des Reinheitsgebots: Sie wie hier bei Westmalle

Ein Blick auf den Terminus „Bier“

Wer also abseits des Reinheitsgebots braut, der darf sein Bier nicht Bier nennen. Macht aber auch nichts. Denn „Bierspezialität“ ist eine zulässige Alternative. Oder ich verzichte gleich ganz auf den Begriff und nenne mein Produkt – nun ja, vielleicht Ale oder IPA oder Gose… Denn das Reinheitsgebot schütz lediglich die Verwendung des Begriffes „Bier“ auf dem Etikett. Ich kann natürlich auch kurz hinter der Grenze eines europäischen Nachbarlandes brauen und dann darf ich mein Label auch übersetzen und „Bier“ darauf schreiben, denn das regelt der freie Warenverkehr. Man kann also durchaus fragen, welchen Sinn das Reinheitsgebot noch hat.

Noch einmal historisch: Die Zutaten

Es gibt übrigens heute noch eine Abschrift der Urkunde von 1516. Wer sich diese anschaut, der wird sehen, dass die Zutatenliste in diesem ersten Reinheitsgebot etwas anders ist als heute: Hopfen, Gestenmalz, Wasser.

Bierfreunde werden zweierlei merken: Die Hefe fehlt und es heißt ausdrücklich Gerstenmalz. Ein Hefeweizen ist nämlich nicht im Sinne dieses historischen Reinheitsgebots. Denn Weizen sollte geschützt werden, ihn galt es für Lebensmittel, also für Backwaren zu bewahren und nicht „sinnlos“ zu vertrinken. In Zeiten regelmäßiger Hungersnöte eine clevere Idee, die zudem dem Adel ein neues, schickes Vorrecht sicherte: Die feudalen Herren durften immer schon abseits des eigentlichen Reinheitsgebots brauen, z.B. ihr Weizenbier. Hungersnöte und Adelsherrschaft gehören in Deutschland ja zum Glück der Vergangenheit an, geblieben ist das Reinheitsgebot trotzdem.

Und warum fehlt die Hefe? Man kannte sie 1516 einfach noch nicht. Sie wurde später einfach ergänzt.

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Bier kann so viel mehr sein – trauen wir uns!

Einheitsbrei oder Vielfalt?

Für mich ist die zentrale Frage, was ich als Bierfan trinken möchte: Möchte ich die immer gleichen Biere der Weltkonzerne, „verlässlich“ und zu 95% chemisch identisch, heruntergebrochen auf einen Massengeschmack, der wirkt wie ein Girls-Day des Bieres?

Oder wünsche ich mir kreative Biere von kleinen Brauern? Denn letztere arbeiten viel natürlicher und reiner als die allermeisten Großen. Daher gibt es seit kurzer Zeit auch eine Initiative von Craft Beer-Brauern, die anstelle des Reinheitsgebots ein neues Natürlichkeitsgebot fordern. Diese lautet: Ins Bier darf, was natürlich ist! Also Obst ja, Chemie nein. Ich finde, das wäre doch mal was!

4 Gedanken zu „Das Reinheitsgebot: Was ist das eigentlich genau?

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