Bonn im Wandel: Quo vadis, Kneipenszene?

Als ich diesen Artikel 2016 ursprünglich verfasste, hatte ich gerade von der Schließung des Wespennests in der Bonner Südstadt gehört. Jetzt, anderthalb Jahre später, ist es der Gequetschte, ein Brauhaus mit einer Tradition aus dem 17. Jahrhundert, das schließt. Dazwischen liegen das Aus des Café Kurzlebig, des alten Billa Bonns, des ersten Blow Up, des Schröders in Beuel und vieler anderer Lokale. Keine Frage, Schließungen gehören in der Gastroszene zum Tagesgeschäft. Aber kaum eines der genannten Lokale lief schlecht, die meisten waren Publikumsmagneten. Daher möchte ich genauer hinsehen und fragen: Was ist los in Bonn?

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Früher war alles besser?

Vorangestellt sei: Dieser Text soll kein „früher war alles besser“-Gejammere werden. Es stimmt, was Aziza auf Twitter schrieb: Früher war einfach früher. Meine Überlegung ist eher: Bonns Ausgehleben verändert sich. Aber wie geschieht dies und vor allem: Wie möchte ich persönlich, dass die Ausgehstadt Bonn in Zukunft aussieht?

Warum schließen gut laufende Lokale?

Der oben genannte Gequetschte schließt also nicht, weil er schlecht läuft, sondern weil ihm der Pachtvertrag gekündigt wurde. Ein anderer Bieter – angeblich eine Kette – soll einen deutlich höheren Betrag aufgerufen haben. So oder so ähnlich erging es bereits den Lokalen im Viktoriaviertel oder dem Billa oder dem Spleen in Poppelsdorf. Es drängt sich mehr und mehr der Verdacht auf, dass Bonn zum reinen Spielball von Geldinteressen wird und dass die Pachtpreise – ähnlich wie auch die Mieten – in derartige schwindelerregende Höhen entrücken, dass kleine, mittlere und sogar alteingesessene Bieter von vornherein chancenlos sind. Stattdessen kommen Hans im Glück (dafür wurde dem Fellinis gekündigt), Sausalitos, Vapiano, Starbucks etc. etc. – Konzepte, die in jeder Stadt haargenau gleich aussehen. Will ich das in meiner Stadt? Worin liegt dann das Besondere an Bonn, also das, was ich andernorts nicht haben kann?

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Bezahlbare Flächen fehlen

Verändert sich Bonn denn wirklich so stark? Ich finde, ja. Aber Empfinden ist natürlich immer subjektiv. Aber die Zahl der oben genannten, geschlossenen Lokale ließe sich noch deutlich erweitern. Dabei ist diese Veränderung nicht per se schlimm, wenn es auch Entwicklungen in die andere Richtung sowie ausreichend Ersatzflächen für die Kleinen und Mittleren der Szene gäbe. Doch genau dies fehlt. Die oben genannten Lokale Blow Up, Billa Bonn und Spleen benötigten über ein Jahr, um eine neue Bleibe zu finden, vielen anderen gelang dies gar nicht. Denn eines ist rar in Bonn: Bezahlbare Gastrofläche.

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Raum für Startups, Raum für Nachtleben

Also doch Gejammer? Nein, Veränderung ist normal und begrüßenswert, nicht alles Althergebrachte kann bleiben, will man nicht eines Tages in einem Museum leben. Aber Bonn bräuchte Gegenmaßnahmen zur um sich greifenden Gesichtslosigkeit. Und wenn man nur wollte, wäre vieles machbar:

  • Gastrofläche muss Gastrofläche bleiben! So wie zuletzt im Luxx, hängt an geschlossenen Kneipen immer öfter das Schild „Keine Gastro!“ oder „Nur Büro!“. Das ist schlimm, denn eine nicht gastronomisch genutzte Fläche in Gastro umzuwidmen, benötigt einen hohen Verwaltungsaufwand und einiges an Geld, um die Bearbeitungszeiten der Stadtverwaltung zu überstehen (denn der Pachtvertrag läuft dann ja oft schon) oder die Bonner Parkplatzablöse (kein Witz!) zu stemmen. Wer im innerstädtischen Raum drei Parkplätze zu je 12.000 Euro bezahlen muss, ist als Startup schnell runiert (während der Preis für die internationale Kette vermutlich Peanuts darstellt). Hier könnte die Stadt der Gastro entgegenkommen.
  • Hürden senken! Rauchabzug, Sicherheitsboden in der Küche, keine Stufe im Eingang, Regeln für die WC-Anlage etc. etc. Alles durchaus nicht falsch, alles aber auch sehr reglementiert. Ich kenne Länder, in denen man ganz gut ohne so viele Auflagen lebt. Die Investition eines Neu-Kneipiers aufgrund bürokratischer Anforderungen gehen mittlerweile in die Zehntausende bevor das erste Bier ausgeschenkt wird. Wer nicht reich geerbt hat, sich verschuldet oder eben einer Kette angehört, der kann sich das nicht leisten. Hier könnte die Stadt, aber auch das Land NRW, umdenken, ob wirklich jede Regelung  notwendig ist.
  • Nachtleben nicht als Störfaktor sehen! Oben schrieb ich, „Keine Gastro!“ sei mittlerweile ein Standardsatz vieler Verpächter. Denn Gastro macht Lärm, Gastro versammelt Rauchern vor dem Lokal, Gastro führt zu Anwohnerbeschwerden. Ich halte das Landes-Immissionsschutzgesetz für deutlich übertrieben, vor allem in klassischen Ausgehvierteln, und es gehört zu den abzubauenden Hürden. Aber auch die Verpächter könnten langatmiger handeln und nicht den Weg des geringsten Widerstands in der Verpachtung gehen. Es ist auch eure Stadt, liebe Verpächter!
  • Mehr mutige Konzepte! Dieser Punkt betrifft die Gaostronomen und die Kunden, also uns alle. Die x-te austauschbare Cocktailbar, eine weitere Shisha-Lounge – wirklich? Manchmal schaue ich nach Köln und denke: Wow, warum funktioniert das hier? Wo ist er, der Bonner Supper-Club, wo das Pop-Up-Café, die Craft Beer-Kneipe, die Kombi aus cooler Bar und hippem Geschäft? Viele derartige Ansätze gab es in Bonn bereits, oft hatten diese Konzepte es bei den Kunden schwer. Lieber doch in die 08/15-Cocktailbar nah am Bahnhof. Könnten wir da nicht alle etwas mutiger sein? Mehr Ideen wie das Township, das wäre toll!
  • Vielfalt erhalten! Auch in Bonn verändert die sogenannte Gentrifizierung die Stadt. Die Südstadt der Studenten ist einem teuren Nobelstadtteil gewichen, Oberkassel nähert sich dem Prenzlauer Berg. Mein Bonn der 2000er Jahre war anders, es kannte Viertel mit Vielfalt, wo die edle Villa auch Studenten beherbergte und neben dem Mutti-Café eine abgerockte Bar lag. Dies ist schwer zu erhalten, ist es doch eine Kulmination aus allen oben genannten Punkten. Dennoch: Eine lebendige Stadt braucht für mich genau diese Vielfalt – und an der können nur alle zusammen arbeiten.

Nun, jetzt habe ich wohl doch ein wenig gejammert. Also, wie wollen wir in Bonn leben? Irgendwo zwischen Bürgersteigen, die um 22.oo hochgeklappt werden, und einer Systemgastro, die sich in rein gar nichts von jeder anderen deutschen Großstadt unterscheidet? Oder in einer Stadt mit kleinen Lokalflächen, gewachsenem Nachtleben und dem Charme des Besonderen? Wie seht ihr das? Was fehlt Bonn als Ausgehstadt, was würdet ihr euch wünschen?

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7 Gedanken zu „Bonn im Wandel: Quo vadis, Kneipenszene?

  1. Prinzipiell sind wir uns einig. Einzig bei den Abschnitten zu „Gastrofläche muss Gastrofläche bleiben“, „Stadtviertel für alle bewohnbar machen“ würde ich noch andere Argumente geltend machen wollen.

    Überspitzt dargestellt:
    Die Südstadt war vor vielen Jahrzehnten das Viertel mit der großen Hausbesetzerszene. Kneipen in dem Viertel liefen gut. Weinbars und gehobene Gastronomie wären hier eher untergegangen. Dann kauften sie die besetzten Häuser. Und heute sind sie noch mal 20 Jahre älter und gehen nicht mehr in Kneipen.

    Was passiert? Die Kneipenkultur bricht zusammen. Dafür kommt eine Weinkultur und gehobene Gastro in die Südstadt.

    Ein Viertel wandelt sich. Ich finde das nicht schlimm. Andere Viertel wandeln sich ebenfalls. So ist Tannenbusch nicht mehr das totale Asiviertel und Beuel erlebt gerade einen enormen Aufschwung, dank des Niedergangs des Zentrums. In 50 Jahren wird aber auch wieder alles sein. Panta rhei 🙂

    Die Südstadt war in den 80ern auch kein Viertel für „jedermann“. Aber es war ein Viertel für Kneipenkultur, was die als Kneipenliebhaber natürlich besser gefällt. So hat halt jeder seine Vorlieben.

    Meiner Meinung nach muss nicht jedes Viertel für jedermann sein. Es darf natürlich nicht Gründe der Angst geben, warum man in bestimmte Viertel nicht zieht. Aber es ist doch wunderbar, wenn es familienorientiertere Viertel und singleorientiertere Viertel gibt und jeder für sich entscheiden kann.

    Wegen des Wandels will ich auch nicht, dass Gastrofläche Gastrofläche bleibt. Was will ich mit Gastrofläche in Vierteln in denen ich sie nicht mehr brauche? Ich möchte eher Gesetze, die Flächenumwandlung erleichtern.

    Du hast 6 Beispiele genannt, wo Gastro vertrieben wurde. Hier 6 Beispiele wo Gastro neu entstand: Vapiano und Ginyuu waren früher SPD Zentrale, Bonnanza war mal eine Wäscherei, Burgermanufaktur … ich weiß es nicht mehr, Allegro war mal ein Pelzladen, Karizma war ein Videoladen (den Ausweis der 80er finde ichbestimmt noch), Delice war ein Schuhladen….

    Wir beide wissen: es gibt mehr gute, als schlechte Gastro und Kneipen. Gastro sollen da eröffnen dürfen, wo sie gerade gefragt sind. Mehr Unterstützung für mutige Konzepte erwarte ich allerdings u.a. von den Bürgern. Von uns. Von dir. Von mir.

    Geheule, weil Etablierte in die ich selber nie ging, weil ich sie konzeptionslos fand, schließen, ist nicht meins. Zudem gestehe ich, dass ich eine alte Frau bin, die den Wandel liebt und als Stärke empfindet. Alles beim Alten belassen war noch nie meins. Man kann aus alten Steinen so viel Inspiration für Neues ziehen.

    1. Hi Karin, danke für die Ergänzungen! Stimmt ja auch durchaus mit der Südstadt und Wandel ist normal, absolut. Allerdings sehe ich nicht im gleichen Maße Neues mit Charakter entstehen (da zählte ich nämlich Vapiano etc oder eine Shisha-Bar nicht zu). Als die Südstadt sich einst veränderte, wuchs eine studentische Szene. Wo wachsen heute geschlossene Weggeh-Szenen in Bonn? Für mich nicht in Tannenbusch und (leider!) auch nicht in Beuel. Das von Dir berechtigt Genannte bleibt vereinzelt. Aber wo ich Dir vollkommen zustimme: Aus Altem mit viel Inspiration neues Dinge schaffen – da bin ich vollkommen bei Dir, würde mir halt nur in Bonn mehr und vielfältigere Inspiration wünschen… 🙂

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