Was darf Bier kosten?

Die sogenannte Craft Beer-Revolution hat nicht nur zu Vielfalt im Bierglas geführt, sondern auch zu einer Preisexplosion, die viele traditionelle Biertrinker mit dem Kopf schütteln lässt: 6,- Euro für ein gezapftes Craft Beer – wohlgemerkt 0,3 Liter – sind dabei keine Seltenheit. Führt der Weg also geradewegs zu skandinavischen Verhältnissen bei unserem Lieblingsgetränk? In diesem Bericht möchte ich nicht lamentieren und erst recht nicht kritisieren – Craft Beer hat nämlich bei genauem Hinsehen seinen berechtigten Preis. Hier möchte ich erklären, wie dieser Preis zustande kommt.

Craft Beer Preise was kostet eine Kiste Bier warum ist Craftbier so teuer
2,99 für 0,33l Bier aus dem Getränkemarkt? Dafür bekommt man auch Besonderheiten wie hier aus England oder Island

Voranstellen muss ich: Ich bin Craft Beer-Fan! Mich irritieren die oben genannten Preise also kaum. Vielmehr wundere ich mich über die immer wieder aufgeworfenen Begriffe des „ehrlichen“ Pils zum kleinen Preis oder die Floskel vom „Gleichmacher“ Bier. Ich zweifele nämlich daran, dass der Spitzenmanager und der Kohlekumpel in Deutschland jemals die gleichen Kneipen besucht und dort das gleiche Getränk getrunken haben. Aber klar, Bier ist das Jedermann-Getränk. Es ist vielen Deutschen das, was dem Franzosen sein Wein ist. Und genau so sehe ich Biervielfalt (auch im Preis): Manchmal muss es der Landwein aus der Literflasche sein, aber manchmal eben auch der hochpreisige Rothschild. Aber damit genug zu meiner Sicht und weiter zu den Fakten. Was macht denn das Bier nun so teuer?

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Hopfen ist Gold im Glas – und hat wie bei diesem IPA seinen Preis

Faktor 1: Die Zutaten

Aus den vier Grundzutaten Hopfen, Malz, Wasser und Hefe lässt sich viel mehr Bandbreite entwickeln, als man es glauben mag. Röste ich mein Malz wirklich für ein dunkles Bier oder nutze ich (zulässige) Färbeverfahren wie Färbebier oder Zuckercouleur? Nehme ich deutschen Hopfen oder besonders gezüchtete amerikanische Aromahopfen? Und überhaupt: Wie viel Hopfen darf es denn sein? Hopfen ist das Gold des Bieres, der Preistreiber. Die klassischen Craft Beer-Sorten wie IPA oder andere Pale Ales (hier übrigens eine Erklärung der Bierstile) haben vor allem gemeinsam, dass am Hopfen nicht gespart wird, schließlich sorgt er für Bitterkeit, Geschmacksnoten, das besondere Etwas. Ergo: Mehr Hopfen, höherer Preis. Und wir reden hier immerhin um den Mengenfaktor fünf oder mehr im Vergleich zum deutschen Standardpils.

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Der Mittelweg: Langsam finden auch Craft Brauer Wege zu moderateren Preisen

Faktor 2: Die Brauereigröße

Dies ist der wirtschaftliche Faktor. Viel schafft viel, auch beim Preis. Große Brauereien können anders kalkulieren als kleine, können in anderen und damit günstigeren Mengen einkaufen. Craft Beer heißt jedoch weitestgehend immer noch Brau-Startup. Und da der kleine Gründer irgendwie (oft nebenberuflich) über die Runden kommen will, muss er im Preis hochgehen. Als Käufer zahlt man also das Kleine und Besondere, wie überall im handwerklichen Segment. Aber auch Craft Beer professionalisiert sich gerade und Ratsherrn aus Hamburg oder Crew Republic aus München (übrigens von einem Bonner co-gebraut) geben günstigere Produktionskosten auch an die Kunden weiter. Insider mögen klagen, dass Craft Beer dadurch den Charakter des kleinen Startups verliert und die Biere – z.B. bei Ratsherrn – die Grenze des Industriellen bereits überschritten haben, andererseits erleichtern sie dem Neuling den Einstieg in das Thema Craft Beer – auch über den günstigeren Preis

Faktor 3: Die Vertriebswege und Vertragsbindungen

Für große Brauereien verkauft sich Bier auch so: Nimmst Du als Gastronom (nur) meine Getränke, gewähre ich Dir günstige Kredite, stemme die Finanzierung Deiner Theke und und und… Das nennt man Brauereibindung, hier findet ihr mehr zu dem Thema. Das schafft planbare Mengen, die keine kleine Brauerei mit einkalkulieren kann. Aber auch die Vertriebswege und grundsätzlichen Gewinnrechnungen treiben den Preis: Das Craft Beer kostet in der Produktion vielleicht 80 Cent bis 1,-Euro, also bereits die Summe, die aus den oben genannten Gründen den Endpreis des Industriebieres im Handel darstellt. Es folgt der Zwischenhändler, der seinen Gewinn einstreicht, im lokalen Craft Beer-Shop kostet das Bier dann bereits 1,90 oder 2,50 Euro die 03er-Flasche. Der Barbetreiber multipliziert den Einkaufspreis zusätzlich mit dem branchenüblichen Faktor 3,5 oder 4 und voila, die Flasche Craft Beer geht für 5,50 über den Tresen. Diese Kette ist natürlich bei allen Bieren gleich, aber wo der Grundpreis niedriger ausfällt, schlägt auch die Multiplikation nicht so durch. Dies ist übrigens der einzige Punkt, den ich an Craft Beer-Preisen kritisieren möchte: Vielleicht muss der Multiplikationsfaktor in der Gastronomie trotz aller berechtigter Nebenkosten (Personal, Strom, Versicherungen…) nicht immer in dieser Höhe liegen. Andererseits muss auch das Trinkverhalten der Gäste berücksichtigt werden, aber damit sind wir bereits bei Punkt 4.

Faktor 4: Das Trinkverhalten

Dieser Punkt ist simpel: Ein stark gehopftes Imperial IPA mit 9,5% von Ale Mania trinkt sich anders als ein Kölsch, nämlich langsamer und in der Menge reduzierter. Dennoch sitze ich als Gast den ganzen Abend bei meinem Wirt an der Theke, blockiere Plätze für potenzielle Kunden, nippe aber an lediglich zwei kleinen IPA. Wenn ich ehrlich bin, kann ich es unter diesem Gesichtspunkt keinem Wirt vorwerfen, dass er den oben genannten Multiplikationsfaktor bei Craft Beer eher noch etwas höher anlegt. Die Rechnung funktioniert übrigens bei Wein oder Kaffee ähnlich: Genussgetränke verleiten zum langen Klönen. Also fängt der Wirt über den Preis auf, dass der Fußballstammtisch in der gleichen Zeit zehn Kölsch pro Person auf dem Deckel hat.

Faktor 5: Der Mitnehm-Effekt

Vermutlich wird mittlerweile klar, dass ich der Meinung bin, dass ein gutes Produkt seinen Preis haben muss. Umso mehr ärgert es mich, wenn Großkonzerne auf den Zug aufspringen, ohne wirklich das Produkt anzubieten, das hinter dem Namen Craft Beer steckt, nämlich nicht maschinell auf jedes Gramm durchkalkuliertes, besonderes Bier (zu der Frage, was noch Craft Beer ist, findet ihr hier mehr). Aber leider springen immer mehr Große mit auf, labeln wie ein Craft Beer, produzieren aber günstig, sparen am Hopfen, färben mit Färbebier und setzen dennoch szenetypische hohe Preise an. Das ist dann m.E. tatsächlich nicht gerechtfertigt, also Hände weg vom Pseudo-Craft Beer diverser Großbrauereien oder von angeblichen alten Rezepten (besonders gehopft, besonders herb, das Orginalrezept des Gründers…). Dahinter verbirgt sich nur eine für den Konsumenten teure Werbestrategie.

Fazit

Gute Produkte haben ihren Preis und ich finde, man muss kein Biersnob sein, um 6,- Euro für ein wirklich besonderes Bier auf den Tisch zu legen. Aber natürlich nicht immer. Und natürlich wünsche auch ich mir, dass sich Craft Beer so stark weiter verbreitet, dass durch bessere Vertriebsnetze und mehr Rationalität gutes Bier sich leicht im Preis moderiert – dass das geht, sieht man z.B. an den Saisonbieren im Bönnsch. Nur eines wünsche ich mir nicht: Bier als Ramschware, die sich nur über die Faktoren „billig“ und „macht voll“ definiert.

Craft Beer Preise was kostet eine Kiste Bier warum ist Craftbier so teuer
Let´s ramsch! Muss Bier Massenware sein? Die hier gezeigten Brauereien sind übrigens nicht schlechter als so manches bekannte Bier, bei denen der Preis nicht durch das Produkt erklärbar ist, sondern durch teure Werbeoffensiven.

 

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