Wie lange ist Bier haltbar?

Kennt ihr das? Man schenkt im Freundeskreis ein Bier aus, vielleicht zum Fußball, vielleicht zum Grillen, aber die Flasche lag schon einige Wochen im eigenen Kühlschrank. Man trinkt, es schmeckt, dann sagt ein besonders
„aufmerksamer“ Freund: „Das ist ja gestern abgelaufen!“ – und trinkt nicht weiter. Das Beispiel ist nicht real, vermutlich sogar übertreiben. Aber so in etwa gehen wir in Deutschland häufig mit dem Lebensmittel Bier um: Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) bildet eine unverrückbare Grenze. Aber ist das beim Bier sinnvoll? Und wie lange hält sich ein Bier überhaupt?

Bier Haltbarkeit Wie länge hält ein Bier Craft Beer
Unterschiedliches Bier hält unterschiedlich lange – im Falle des Espresso Stout (rechts) von Mein Sudhaus & Rösterei Heilandt ist ein Haltbarkeitsdatum eigentlich nicht nötig, bei den stark gehopften Bieren der Bierfabrik Berlin ebenso wenig.

So wie im übertriebenen Beispiel oben ergeht es durchaus Gastronomen in Bonn. Da höre ich als Kneipenblogger immer wieder, dass Gäste ein am 15. eines Monats „abgelaufenes“ Bier am 16. dem Kellner zurückgeben, vielleicht später sogar schlechte Einträge in sozialen Netzwerken verfassen, weil „minderwertige Produkte“ angeboten würden. Dabei soll es im Folgenden gar nicht darum gehen, ob der Gastronom das Bier aus Service-Gründen nicht mehr ausschenken sollte (was ich selber nicht so sehe), sondern wirklich nur um die Frage: Verfällt Bier und wird schlecht?

Mindesthaltbarkeit oder Verfall?

Grundsätzlich gilt: Das MHD (es besteht gesetzlich seit 1981) ist keine Ablaufgrenze, für kein Lebensmittel. Es besagt erst einmal nur, dass bis zu diesem Datum eine Garantie auf die Konsistenz (Geschmack, Farbe, Geruch…) eines Lebensmittels seitens des Herstellers besteht. Daraus im Gegenschluss zu schließen, dass kurz nach dem Datum das Produkt „umkippe“ oder direkt schlecht sei, ist nicht richtig. Dafür gibt es etwas anderes Datum, das Verbrauchsdatum. Dieses benötigt man jedoch nur für Frischeprodukten wie Hackfleisch, Geflügel, Eier und einige andere, bei denen nach dem Datum wirklich eine Gefahr für die Gesundheit besteht. Beim Bier und bei den meisten anderen Lebensmitteln ist das aber nicht so. Man muss also unterscheiden zwischen „zu verbrauchen bis“ (Verfallsdatum, danach wirklich schlecht) und „mindestens haltbar bis“ (Mindesthaltbarkeitsdatum, danach KANN sich die Qualität eines Produkts leicht verändern). Letzteres gilt für Bier.

Ja, aber…

Aber verfällt Bier überhaupt? Ja und nein. Es hängt wie immer vom Bier ab. Das „Standardbier“ mit 4 bis 5% Alkoholgehalt, egal ob Pils, Kölsch oder Altbier, verfällt irgendwann, verliert an Geschmack und Kohlensäure, wird später schal und sauer. Es verfällt also wirklich. Andererseits wird es sich wenige Tage, vermutlich sogar einige Wochen nach dem MHD kaum verändert haben und ist immer noch lecker und trinkbar. Das muss man dann im Einzelfall testen. Als Faustregel gilt: Je mehr Qualität ich im Glas habe (i.d.R. kleine Brauereien!), desto weiter darf mein Bier über dem MHD liegen als es bei Massenware (i.d.R. große Brauindustrie!) der Fall ist.

Bier ist nicht gleich Bier

Andere Biere können aber sehr wohl länger und fast bis ultimo haltbar sein. Sie benötigen in Deutschland trotzdem ein aufgedrucktes MHD. Entscheidend für die Haltbarkeit sind die verarbeitete Hopfenmenge – Hopfen wirkt antiseptisch und tötet Keime ab – sowie aus ähnlichen Gründen der Alkoholgehalt. Beginnend beim Bockbier und viel stärker bei den unter Craft Beer zusammengefassten neuen Braustilen sind Alkoholgehalt (häufig 6-9%) und Hopfung so hoch, dass das Bier faktisch nicht mehr schlecht wird. Wohl mag es sich verändern: Das IPA z.B. verliert an Hopfennote, schmeckt nach langer Lagerung malziger. Schlecht ist es deshalb nicht. Die belgische Brauerei Chimay vertreibt sogar ein Bier, das ähnlich einem gutem Champagner erst nach Jahren seinen besten Geschmack entfaltet – das Chimay bleue liegt aber auch bei 9% Volumenalkohol. Es aufgrund eines abgelaufenen MHD nicht zu trinken, das ist, als gösse man einen Dom Perignon von 1921 von in den Ausguss!

Bier Haltbarkeit Wie länge hält ein Bier Craft Beer
Ein Ale Mania-IPA aus Bonn kann man auch deutlich nach dem 1. Juli noch trinken, obgleich der 31. Mai aufgedruckt ist

Verderbliches Fassbier?

Und wie ist es mit dem Fassbier? Gäste wie Gastronomen glauben häufig, dass ein Fass nach dem Anschlag innerhalb weniger Tage geleert sein sollte, um saures Bier zu verhindert. Ich habe lange mit den Kölner Bierhistorikern gesprochen und mir erklären lassen, dass ein Keg-Fass (die in Deutschland verbreitete Fassart) fast endlos lange nach Anstich haltbar sei, da die CO2-Mischung, mit deren Kraft das Bier gezapft wird, sich nach Anstich im Fass befinde und das Bier praktisch von oben gegen alle Keime versiegele. Das setzt natürlich voraus, dass das Fass allabendlich bei Lokalschließung abgekegt wird und dass auch in den Leitungen Sauberkeit herrscht!

Nicht wegkippen – ausprobieren!

Wir ein Bier also schlecht? Ja und nein. Natürlich, Bier ist Lebensmittel und wenn nicht gerade mit extremen Hopfen- und Alkoholwerten gearbeitet wird, dann wird auch dieses Lebensmittel schlecht. Aber sehr langsam und in der Regel nicht sofort mit abgelaufenem MHD. Je hochwertiger mein Bier, desto eher kann ich auch nach abgelaufenem MHD genießen. Sollte also bei der nächsten Grillparty ein Freund sein Bier verschmähen, weil es einen Tag „drüber“ ist – einfach probieren und wenn nichts auffällig ist, weitertrinken! Letztendlich zählt immer der Geschmack. Und etwas weniger verschwenderisch mit Lebensmitteln umzugehen, das schadet ja sicherlich auch nicht.

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