Was ist eigentlich Craft Beer?

Was ist eigentlich ein Craftbeer? Diese Frage dürfte sich so mancher deutsche Pils- oder Kölschfreund stellen, ergreift die Begeisterungswelle doch langsam aber sicher auch Deutschland. Wobei der Trend in Berlin oder Hamburg schon lange angesagt ist, aber auch in Bonn erreicht Craftbeer langsam den Markt.


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Hippe Braukunst aus Lettland und Deutschland: Labietis aus Riga und AleMania aus Bonn


Bisher führen sieben Lokale in Bonn die neuen, trendigen Bierstile. Craftbeer findet sich im La Victoria, Flynn´s Inn,  im geschlossenen Kurzlebig, in der Pinte, im Fiddler`s und im Beueler Assenmacher, außerdem gibt es in der Burgermanufakur am Frankenbad ein Craft von Riegele. Und natürlich hat Bonn seine eigene Craftbeer-Brauerei: Ale Mania von Fritz Wülfing.

Craftbeer ist also im Bonner Nachtleben angekommen und zum schicken Ausgehen scheint immer mehr auch ein ausgefallenes Bier zu gehören. Aber was ist eigentlich ein Craftbeer? Eine einheitliche Definition besteht nicht, deshalb wollen wir drei gängige Ansätze vorstellen, aber auch eine eigene Definition versuchen. Und, hey, diskutiert doch mit und schreibt uns über die Kommentarfunktion unten eure Gedanken!

Erklärung 1 – die Wortbedeutung: der einfachste Ansatz, Craftbeer heißt ja im Englischen etwas und setzt sich aus „craft“ (Handwerk) und „beer“ (Bier) zusammen. In diesem Sinne ist ein Craftbeer ein handwerkliches Bier. Aber Handwerk kann ja vieles sein und keiner Brauerei sei abgesprochen, dass sie ein Handwerk betreibt. Die Grenze ist also nicht trennscharf. Wobei: Übersetzungen sind ja so eine Sache, man kann im Wörterbuch nachsehen und doch eine Bedeutung nicht ganz erfassen. Denn der Wortsinn von „craft“ geht über das deutsche Handwerk hinaus. Das deutsche Wort bezeichnet heute vermutlich nicht mehr zwingend einen Arbeitsprozess per Hand, während das englische „crafted“ genau das noch immer ausdrückt: handgemacht. Dies ist aus unserer Sicht ein wichtiger Ansatz, auf den wir später zurückkommen möchten.

Erklärung 2 – das Verständnis vieler Konsumenten: ein Craftbeer ist ein ungewöhnlicher Braustil. Nach dieser Erklärung könnten Pils, Kölsch und Weizen keine Crafts sein. Craftbeer wäre dann nur das, was weit ab vom Mainstream gebraut wird, z.B. das hopfige IPA oder eine Leipziger Gose. Wir finden: das passt nicht, denn ein Pils kann sehr wohl cratfig sein und ein IPA absolut Mainstream. Craftbeer ist eigentlich keine Frage des was, sondern eine Frage des wie.

Erklärung 3 – die inoffizielle Brauerdefinition: ein Craftbeer ist ein Bier mit einer geringen Produktionsmenge. Dieser Ansatz stammt aus den USA und soll die kleinen Biere von der Massenproduktion abgrenzen. Nach dieser Definition wäre Craftbeer dann eine Frage des wie viel. Das ist eine löbliche Idee, passt aber nicht auf die weltweiten Verhältnisse. Denn die US-amerikanische Brauervereinigung hat die Grenze auf sage und schreibe 9 Millionen Hektoliter Jahresproduktion festgelegt. Nur zum Vergleich: Warsteiner produziert z.Zt. etwa 2,5 Millionen Hektoliter. Ach ja, das gerade in aller Munde seiende Teegernseer produziert 120.000 Hektoliter im Jahr – würdet ihr es deshalb als Craftbeer sehen? Vermutlich eher nicht (lecker ist es natürlich trotzdem).

Wir wollen den aus unserer Sicht vorliegenden Widersinn dieser Definition über die Produktionsmenge eines bekannten Craftbeers erklären: Sierra Neva Brewing begann in den 1980er als Experimentierstätte einiger durchgeknallter Jungs, die Bock auf neue Bierstile hatten (ah, die Erklärung 2…), erkannte den Trend und ist heute mit diversen Pale Ale Sorten die siebtgrößte Brauerei der USA und der Ausstoß stieg von wenigen hundert Hektolitern in den 1980ern auf heute über eine Millionen Hektoliter – und darf sich damit Craftbeer nennen… Wir finden: die Frage nach dem wie viel könnte greifen, aber nicht so.


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Tervetes Alus, eine lettische Brauerei, braut auch ungewöhnliche lettische Bierstile und stößt wenig aus – ist das Craftbeer? Wir finden: nein, zu industriell!


Keiner dieser drei Ansätze ist also vollkommen trennscharf. Jetzt werdet ihr natürlich sagen: ja und, was soll`s Hauptsache es schmeckt! Nun ja, das stimmt, aber wir würden uns wünschen, dass im Rahmen des aktuellen Hypes um Craftbeer nicht jedes Lokal oder jede Brauerei aus Gründen des Massenprofits mit auf den Zug aufspringt. Das macht eine schöne, alternative Bewegung nämlich mittelfristig kaputt.

Unser Definitionsversuch für Craftbeer: wir möchten zur Wortbedeutung im übertragenen Sinne zurückkehren und Wert legen auf den Wortbestandteil „craft“ im Sinne von „crafted“: ein Craftbeer muss aus unserer Sicht tatsächlich per Hand gemacht sein und der konkrete Braustil ist egal. Was das heißt? Ganz einfach: wenn Beck´s ein IPA auflegt, ist das zwar ein spannender Braustileine tolle Bereicherung des Biermarktes, aber soweit wir wissen steht in keiner der weltweit fünfzehn Braustätten noch irgendwo ein Mensch am Sudkessel und rührt eigenhändig. Und auch die Zutaten fügt keine Person mehr von Hand hinzu. Nein, das ist längst maschinisiert und computergesteuert. Und genau deshalb würden wir hier sagen: Stopp, das ist kein Craftbeer mehr! Oder anders herum: ein ganz normales obergäriges Bier („Kölsch-Stil“) vom Brauhaus am Ennert in Bonn ist durchaus ein Craftbeer, denn hier ist wirklich noch ein Brauer selbst tätig rührt im Sud!


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Brauen im Glaskasten: bei Labietis in Riga kann der Kunde den Brauprozess beobachten, alles ist selbstgemacht – und neben den neuen, trendigen Bierstilen und einigen Experimentalbieren gibt es auch Klassiker


Aber wir geben zu, auch unsere Definition hinkt, denn wenn das handgemachte zentral ist, dann ent-craftet sich jede kleine Brauerei durch ihr eigenes Wachstum. Aber ist das schlimm? Wir finden: nein! Es gibt ja auch leckeres Industriebier (auch wenn der Name un-hip kling). Das Label „Craft“ sollte aus unserer Sicht den Kleinen vorbehalten sein, denen, die wirklich Hand anlegen. Auch dafür abschließend ein Beispiel: Das absolut coole BrewDog, vielleicht der hippste Vorreiter der Craftszene produziert 90.000 Hektoliter im Jahr verteilt auf 400.000 Flaschen im Monat – aber die lassen sich eben nicht mehr von Hand abarbeiten…

Wie seht ihr das? Diskutiert gerne mit! Das Ziel wäre eine für Deutschland (oder ganz Europa?) zutreffende Definition von Craftbeer. Schreibt doch einfach in der Kommentarfunktion unten eure Ergänzungen zu unserer Gedanken! Schaffen wir eine Craftbeer-Definition!

17 Gedanken zu „Was ist eigentlich Craft Beer?

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