CRAFT BEER! Das Reinheitsgebot … und wie wir das sehen

Der 23. April ist also nicht nur Girls-Day, nein, es ist auch der Tag des Reinheitsgebots. Hopfen und Malz, Gott erhalt´s! Dazu noch Wasser und Hefe, mehr darf in unser deutsches Bier nicht hinein, deshalb ist es ja so viel besser als alle ausländischen Biere… STOPP!

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Gutes Bier, böses Bier, ganz böses Bier – und auch noch Bio, igitt, oder? Wir sagen: Quatsch! Schmeckt alles und ist super gemacht!

Das ist aus unserer Sicht nämlich ebenso weit von der Realität entfernt wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Ja, wir hören unsere Leser schon aufschreien – das Reinheitsgebot macht das Bier doch erst gut und verlässlich! Das sehen wir leider anders, hier unsere Gründe:

  • Ist deutsches Bier wirklich noch rein? Nun ja, die Grundzutaten sind tatsächlich festgelegt und wenn der Trinker Hopfenpellets als echten Hopfen sieht oder sich nicht an Zuckercouleur oder Färbebier stört, die zur Farbgebung trotz Reinheitsgebot hinzugegeben werden dürfen, dann stimmt das Reinheitsgebot vielleicht noch in etwa. Aber auch die Reinigungschemikalie PVPP darf hinein, damit das Bier schön klar wird, sie baut sich ja angeblich später wieder ab, was jedoch wissenschaftlich umstritten ist. Prost, so rein ist deutsches Bier wirklich!
  • Stichwort Verlässlichkeit: Ok, wer ein Kölsch, Pils, Alt, Helles oder Weizen trinkt, der weiß, was nachher im Glas ist. Aber ist das denn im Rheinheitsgebot-freien Ausland anders? In unserem Freundeskreis gibt es Stimmen, die sich z.B. über die fehlende geschmackliche Berechenbarkeit belgischer Biere beschweren. Zu Unrecht, wie wir finden. Denn dem Belgier ist sehr wohl bewusst, was bei seinem Kriek, Geuze oder Witbier im Glas ist. Aber es stimmt: Biervielfalt abseits des Reinheitsgebots setzt eine höhere Kenntnis voraus. Das begrüßen wir allerdings, denn Bier sollte ein bewusstes Getränk sein und es ist schön, wenn sich der Kunde mit ihm beschäftigt statt einfach zur Kiste Billigbier zu greifen. Hauptsache billig, schmeckt eh alles gleich. Nun ja, in dieser Hinsicht ist deutsches Bier leider allzu oft verlässlich…
  • Einheitsbrei oder Vielfalt? Damit sind wir direkt beim nächsten Stichwort und wir hatten ja auch schon ein anderes OFF TOPIC über Biervielfalt zu diesem Thema geschrieben Das Reinheitsgebot verhindert nämlich aus unserer Sicht Vielfalt im Geschmack, denn während (!) des Brauprozesses hinzugegebene natürliche (!) Zutaten wie Früchte, Koriandersaat oder aus der original Berliner Weiße bekannte Milchsäurebakterien für eine säuerliche Note in der Gärung sind eine tolle Bereicherung. Und warum sollte diese geopfert werden?
  • Die historische Komponente: Warum eigentlich nur Gerstenmalz? Das könnte man sich ja fragen, denn so wurde es 1516 festgelegt. Ein Weizenbier zum Beispiel ist im Sinne des ursprünglichen Reinheitsgebots gar nicht rein. Weizen sollte geschützt werden, ihn galt es für Lebensmittel, also für Backwaren zu bewahren und nicht „sinnlos“ zu vertrinken. In Zeiten regelmäßiger Hungersnöte eine clevere Idee, die zudem dem Adel ein neues, schickes Vorrecht sicherte: Die feudalen Herren durften immer schon abseits des eigentlichen Reinheitsgebots brauen, z.B. ihr Weizenbier. Hungersnöte und Adelsherrschaft gehören in Deutschland ja zum Glück der Vergangenheit an, geblieben ist das Reinheitsgebot trotzdem, erst wurde es 1871 bei der Reichseinigung als Lockmittel für die Bayern ins Deutsche Reich transferiert, dann 1906 endgültig Reichsgesetz. Und 1952 war es eine ganz profane Steuer, die das Gebot rettete, denn seither regelt das bundesdeutsche „Biersteuergesetz“, was ins Bier darf und was nicht. Und warum? Damit der Fiskus leichter nachrechnen kann…

Langer Rede schwacher Sinn: Das aktuelle Reinheitsgebot ist antiquiert. Umso löblicher ist es, dass neuerdings Craft Beer Brauer neue Wege gehen. Und den kleinen Haus- und Gasthofbrauereien gelingt es ja auch schon lange, trotz Reinheitsgebot spannende Biere statt Großbrau-Einheitsbrei zu produzieren. Natürlich will niemand chemische Zusätze im Bier – also keine E-Nummern als Geschmacksverstärker oder Zusätze für die klare Farbe (die z.Zt. erlaubt sind!). Aber gegen natürliche im Brauprozess hinzugegebene Zutaten spricht im Bier nun wirklich nichts. Alles andere sorgt nur für Mädchenbiere im 08/15-Geschmack. Girls-Day halt…

 

PS: Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch die Hefe nie im Reinheitsgebot stand, man kannte im 16. Jahrhundert ihre Wirkung einfach noch nicht. Sie wurde also nicht zugegeben, sondern fand eher zufällig durch Sporenflug den Weg ins Bier und führte zu Spontangärung. Da es sie natürlich immer gab, wurde sie später ergänzt. Ganz so wörtlich wurde das Reinheitsgebot also scheinbar noch nie genommen…

4 Gedanken zu „CRAFT BEER! Das Reinheitsgebot … und wie wir das sehen

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