Herr Lehmann/ Zentrum/ Budapester Straße

Herr Lehmann, Roman- und Titelheld von Sven Regener, betreibt jetzt also seit Oktober 2014 eine Kneipe in Bonn… Nein, natürlich nicht, aber der Besitzer von James Joyce und Shamrock hat in seinem neuen Lokal die bekannte Figur als Patron gewählt. Guter Wurf, möchte man meinen, klingt hip und kneipig zugleich! Dazu befindet man sich hier auch noch in gut gewählter Lage am oberen Ende der Thomas-Mann-Straße (postalisch Budapester Straße), also an der Schnittstelle zwischen Zentrum und Altstadt und damit auch gekoppelt an gute Bahnanbindungen zur 66 und 62 – klingt also erst einmal sehr solide!

Herr Lehmann (1)

Dennoch möchten wir ein wenig Kritik üben, denn ganz so stimmig wie der erste Anschein vermittelt, ist das Konzept nicht. Werfen wir dazu erst einmal einen Blick auf Außen- und Innenambiente: An gelb gestrichenen Klinkern findet sich auf großer Front mehrfach der hell angeleuchtete Schriftzug „Herr Lehmann“ in schicken schwarzen Lettern, was unbestreitbar zum Besuch einlädt. Leider fielen einige Buchstaben entweder Dieben oder einer schlechten Verarbeitung zum Opfer – die Schrift bröckelt nämlich schon. Schade! (Oder ist das gewolltes Design? Erkannt hätten wir es nicht…) Innen betritt man entgegen der Erwartungen, die die Kenntnis des Romans weckt, eigentlich keine Kneipe, sondern eher eine Mischung aus Lounge, Bar und Burger-Restaurant. Der große Raum liegt in gedämpft blauem Dämmerlicht, an großen quaderförmigen Stehtischen und massiven Hockern entsteht dazu ein schönes Bar-Feeling, abgerundet von einer Theke im gehobenen Stil sowie einer schönen Jugendstilsäule, die erhalten wurde, dabei den Raum majestätisch thronend angenehm dominiert und das Gefühl unterstreicht, sich im gehobenen Ambiente zu bewegen. Selbiges gilt für die clubbige Musik. Hier wurde auf jeden Fall Zeit, Geld und Mühe investiert. Aber zum Herr Lehmann des Romans und seiner Berliner Eckkneipe passt das nicht. Zudem verlangt die Größe des Lokals eine gewisse Anzahl an Gästen, sonst fühlt man sich schnell verloren.

Herr Lehmann (2)

Wenn wir als zweites auf die ausgeschenkten Speisen und Getränke schauen, bleiben wir ebenso zwiegespalten: die Biere sind mit Jever, Peters Kölsch, San Miguel und Maisel´s Weisse bekannte Marken, teils lecker, teils austauschbar. Aber mit Maisel´s Pale Ale wird auch Mut zum Neuen bewiesen. Die Ausrichtung im „Herr Lehmann“ zielt natürlich nicht auf die Bierkarte, sondern auf das akzeptable Whisky- und Gin-Sortiment sowie zur großen Auswahl an Cocktails, was ja auch zur Einrichtung als Bar passt. Und so finden sich auch in beiden Bereichen einige hochwertige Vertreter der Gattung im Regal (z.B. ein Monkey 47). Aber die Auswahl ist klein und wer nicht fragt, der bekommt den günstigen 08/15-Klassiker (beim Gin der Gordon, der jedoch preislich nicht günstiger ausfällt!). Hier sollte aus unserer Sicht das Personal nachgeschult werden. Und wir hatten hinsichtlich der von und bestellten Gin-Tonics noch ein zweites kritisches Erweckungserlebnis: der Tonic kommt in der Blechdose an den Tisch. Na ja, da geht mehr, eine feine kleine 0,2er-Flasche, handelsüblich in jedem besseren Getränkemarkt erhältlich, hätte deutlich besser zum gehobenen Eindruck des Hauses gepasst, wenn man sich denn schon die (lobenswerte!) Mühe macht, Gin und Tonic getrennt zu servieren. Das ist also nicht ganz stimmig und auch wenn die Karte noch provisorisch ist, lässt sich doch eine Tendenz ablesen.

Herr Lehmann (3)

Bleibt der Blick auf die Speisekarte: Hier liegt der Schwerpunkt auf Burgern, also ein gerade angesagter Klassiker für den Ausgehabend und das zu fairen Preisen von 9,- bis 10,- Euro für Burger und Getränk. Gute Sache! Allerdings schließt die Küche um 22.00 Uhr, obgleich das Zubehör-Set um Besteck und Soßen den Tisch auch danach unnötig großflächig okkupiert. Wir waren übrigens erst um 22.20 vor Ort, also können wir die Burger nicht beurteilen…

Was ist also die Tendenz des Bonner „Herr Lehmann“? Um es mit Barney Stinson zu formulieren: „New is always better“ – wir begrüßen also die Neuerung an sich und jedes neue Lokal bereichert unser Bonn! Aber die Mischung aus kneipiger Namensanspielung, Lounge, Bar und Burgerschmiede ist noch nicht ganz ausgefeilt. Oder, um es mit dem Romanhelden Herr Lehmann selber zu sagen: „Ich gehe erst einmal los […]. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben!“

Deshalb unsere Meinung: Noch etwas unausgegoren, aber durchaus eine Bereicherung

Testtag: Freitag

Fass: Jever, Peters, San Miguel

Flasche: Maisel´s Weisse (Weizen, Dunkel, Kristall), Maisel´s Pale Ale

Besonderheiten: unbedingt mal die Toiletten ansehen!

Internet: www.herrlehmann.bar

2 Gedanken zu „Herr Lehmann/ Zentrum/ Budapester Straße

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